ZitierenZitierregeln

Zitieren

Wir stehen alle "auf den Schultern von Riesen" (1) mit diesen Worten umschreibt Robert K. Merton wissenschaftliches Vorgehen. "Wissen schaffen" - um beim Begriff zu bleiben - ist ein kontinuierlicher Prozess, der sich nach Peterßen (2) u.a. auch dadurch auszeichnet, "... dass nicht immer wieder jede einzelne Untersuchung, jeder einzelne Gedankengang gleichsam am »Nullpunkt« ansetzen muss; vielmehr bauen wissenschaftliche Untersuchungen und Gedankengänge aufeinander auf, setzen fort, was von anderen begonnen wurde, treiben die Erkenntnis Schritt für Schritt voran".

Das Zitieren in Texten ist genaugenommen nichts anderes als die formale Umsetzung dieser Erkenntnis, dass nämlich wissenschaftlicher Fortschritt aus bereits bestehenden Erkenntnissen hervorgeht. Zitate bilden eine Brücke zu vorhandenem Wissen, sie dokumentieren also, dass eine Arbeit "... eingebunden ist in den aktuellen Forschungsstand einer Wissenschaftsdisziplin" (3).

Das Einbinden in vorhandene Kenntnisse verhilft wissenschaftlichen Arbeiten zur erforderlichen Objektivität. Zitieren als Ausdruck wissenschaftlicher Objektivität darf dabei jedoch nicht mit inhaltlicher Wahrheit verwechselt werden. Die Wiedergabe von Inhalten und Erkenntnissen muss vielmehr dem Prinzip der Intersubjektivität zugeordnet werden. Dieses Prinzip verlangt, dass eine "... Aussage für jeden überprüfbar ist, dass sie hinsichtlich ihrer Ausgangslage sowie ihres Zustandekommens in allen Schritten nachvollzogen werden kann ..." (4).

Nicht selten gerät die Benutzung von Zitaten in den Dunstkreis "geistiger Trittbrettfahrerei", die aber - wie oben ausgeführt - in der Wissenschaft nicht nur legitim, sondern oft genug auch zwingend notwendig ist. Es ist geradezu das Ziel akademischer Ausbildung, Probleme mit Hilfe vorhandener Kenntnisse und Methoden lösen zu können. Zitieren ist also weder ein Beleg für Einfalls- oder Meinungslosigkeit, noch muss es sich im bloßen "Wiederkauen" fremder Gedanken erschöpfen. Zitate können vielmehr eigene Ideen, Modelle und Konzepte auslösen, untermauern, verändern und damit ein ausgesprochen produktives "geistiges Trittbrett" sein.

Zum "ordnungsgemäßen" Zitieren gehört neben dem konkreten Zitat - der inhaltlichen Wiedergabe einer Aussage also - eine angemessene formale Bearbeitung durch einen Quellenbeleg und die Aufnahme der Quelle in ein Literaturverzeichnis.

Über die Anwendungsregeln hinaus wird der Umgang mit Zitaten immer wieder von eher grundsätzlichen Unsicherheiten und Fragen begleitet:

Häufigkeit des Zitierens

Eine oft gestellte Frage betrifft die Häufigkeit des Zitierens. Dazu Umberto Eco (5): "Es ist schwer zu sagen, ob man ausgiebig oder sparsam zitieren soll. Das hängt von der Art der Arbeit ab." Empirische Untersuchungen verlangen vermutlich weniger häufiges Zitieren als klassische Literaturarbeiten. Und selbst innerhalb hermeneutisch angelegter Arbeiten gilt es zu unterscheiden zwischen explizit historischen Untersuchungen, in deren Natur es liegt, regelmäßig auf zugrundeliegende Quellen zu verweisen, und Auseinandersetzungen mit aktuellen Fragestellungen.

"Für das richtige und wirkungsvolle Zitieren ist ein gutes Maß an Feingefühl und Übung erforderlich" (6). Einerseits können zu wenige Zitate die Nachprüfbarkeit des Diskutierten erschweren, andererseits gibt es Arbeiten, in denen so ausgiebig diskutiert wird, dass der Eindruck kaum zu vermeiden ist, der Verfasser selbst habe nur wenig zu sagen. Die Wahrheit liegt - wie so oft - in der Mitte.

Als Orientierungshilfe kann eine Empfehlung Kiels (7) genutzt werden: "Man sollte sich immer die Fragen stellen: Was ist die Funktion dieses Zitates? Erfüllt das Zitat diese Funktion eindeutig? Wenn keine Funktionsangabe gemacht werden kann oder die Erfüllung der gewünschten Funktion eher zweifelhaft erscheint, ist es fraglich, ob das ausgesuchte Zitat oder das Zitieren an dieser Stelle sinnvoll ist."

Zu warnen ist in jedem Fall vor Zitierritualen,

  • die nicht auf inhaltlicher Notwendigkeit gründen sondern auf bloßem Imponiergehabe. Narr (8) hat für diese Form des Verweisens auf oft garnicht oder nur oberflächlich Gelesenes das sehr zutreffende - und gleichzeitig auch dem derzeitigen Trend zur Anglifizierung folgende - Wort "name-dropping" kreiert.

  • die auf eine Aufblähen des Literaturverzeichnisses durch "Füllzitate" (9) abzielen.

Wörtliches Zitat vs. Paraphrase

Für viele Studierende scheint nur das wörtliche Zitat der 'richtige' Weg zur Wiedergabe fremder Gedanken zu sein. Das Motiv hierfür mag in dem Gefühl der Sicherheit liegen, mit der wörtlichen Wiedergabe keine inhaltlichen Fehler zu begehen - eine Gefahr, die beim Umformulieren in eigene Worte grundsätzlich besteht. In der Konsequenz erschöpfen sich zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten fast ausschließlich in wörtlichen Zitaten.

Tatsache ist, so Kiel (10), dass sich Bedeutungsverschiebungen durch Paraphrasierungen niemals ganz vermeiden lassen. Tatsache ist aber auch - und dieses Argument muss in den Kontext der Beurteilung wissenschaftlicher Arbeiten während des Studiums eingebettet werden - , dass Paraphrasen eine andere Qualität besitzen als die wörtliche Wiedergabe. Die Paraphrase ist Ausdruck für einen Akt der kognitiven Verarbeitung des gelesenen Materials, der eine höhere Qualität besitzt als das bloße abschreiben. Dieser Prozess des Umarbeitens besitzt eine höhere Qualität als das bloße Abschreiben, und aus diesem Grund stehen Paraphrasen bei der Beurteilung oft höher im Kurs als das wörtliche Zitat.

Verwenden Sie wörtliche Zitate

  • für die Definition zentraler Begriffe.

  • für die Wiedergabe wichtiger, vielleicht sogar strittiger wissenschaftlicher Meinungen und Positionen.

  • für Aussagen, die sprachlich besonders anschaulich und überzeugend sind.

Zitieranlässe

Nicht alles muss durch ein Zitat abgesichert werden. "... Man braucht sich nicht auf irgend jemandes Autorität zu berufen, um etwas ... Offensichtliches nachzuweisen" (11). Dazu gehört z.B. die Erkenntnis, dass die Erde eine Kugel oder das Fernsehen ein Massenmedium ist. Franck (12) bringt es auf eine einfache Formel, wenn er sagt, dass Zitate nicht peinlich sein dürfen: "Nicht zitiert wird, was Teil der Allgemeinbildung, was ... selbstverständlich und was trivial ist."

Zitierwürdigkeit von Quellen

"Zitierwürdig sind alle Quellen und Sekundärquellen, die in irgendeiner Form - wenn auch, wie z.B. bei Hochschulschriften, in gewissem Maß beschränkt - veröffentlicht worden sind; dieses Erfordernis stellt sicher, dass für wissenschaftliche Zwecke nur solches Material verwendet wird, das nachvollziehbar und damit auch kontrollierbar ist" (13). Damit sind zunächst einmal alle wissenschaftlich relevanten Veröffentlichungen zitierfähig, die über den Buchhandel bezogen werden können. Eingeschlossen sind aber auch Dissertationen, auf die ein Zugriff über die in den größeren Bibliotheken einsehbaren Pflichtexemplare möglich ist.

Problematisch ist bereits das Zitieren aus nichtveröffentlichten Hochschulmanuskripten (wie Seminar- oder Diplomarbeiten), die außerhalb der jeweiligen Hochschule nur schwer zu beschaffen sind. Nicht zitierfähig sind die meisten Tageszeitungen und andere Publikumszeitschriften sowie auch mündliche Äußerungen.

Sollen solche Quellen aus besonderem Anlass doch für eine wissenschaftliche Arbeit herangezogen werden, ist eine kurze Begründung - etwa als Anmerkung - angeraten.

 


(1) Merton, Robert K.: Auf den Schultern von Riesen. Ein Leitfaden durch das Labyrinth der Gelehrsamkeit. Frankfurt a.M.: Suhrkamp, 1983.
Erlauben Sie mir, liebe Leserinnen und Leser, ein bisschen Werbung für dieses sehr unterhaltsame Buch zu machen. Im Kern geht es um eine historische Herleitung des Aphorismus "Ein Zwerg, der auf den Schultern eines Riesen steht, kann weiter sehen als der Riese selbst". Das scheinbare Selbstverständnis der Aussage wird durchaus auch hinterfragt: Was, wenn man nicht auf die Schultern des Riesen hinaufkommt? Was, wenn der Riese selbst anfängt zu schwanken und schließlich stürzt? Und ob man auf des Riesen Schultern tatsächlich weiter sieht als der Riese selbst, hat Sigmund Freud gründlich in Frage gestellt, als sein Schüler Stekel sich ihm mit Hinweis auf das Bild vom Zwerg auf den Schultern des Riesen überlegen glaubte. Die niederschmetternde Antwort des ergrimmten Riesen lautete: "Das mag wahr sein, aber nicht eine Laus auf dem Kopfe eines Astronomen."
(2) Peterßen, Wilhelm H.: Wissenschaftliche(s) Arbeiten. Eine Einführung für Schule und Studium. 6., überarb. und erw. Aufl. München: Oldenbourg, 1999, S. 122.
(3) Rost, Friedrich: Lern- und Arbeitstechniken für das Studium. 4., durchgesehene Aufl. Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2004, S. 238.
(4) Peterßen a.a.O., S. 29.
(5) Eco, Umberto: Wie man eine wissenschaftliche Abschlußarbeit schreibt. Doktor-, Diplom- und Magisterarbeit in den Geistes- und Sozialwissenschaften. 9., unveränderte Aufl. der deutschen Ausgabe. Heidelberg: C.F. Müller, 2002, S. 196.
(6) Standop, Ewald; Meyer, Matthias L.G.: Die Form der wissenschaftlichen Arbeit. Ein unverzichtbarer Leitfaden für Studium und Beruf. 17., korrigierte und ergänzte Aufl. Wiebelsheim: Quelle & Meyer, 2004, S. 35.
(7) Kiel, Ewald: Grundzüge wissenschaftlichen Zitierens gedruckter Publikationen. In: Hug, Theo (Hrsg.): Wie kommt Wissenschaft zu Wissen? Band 1. Einführung in das wissenschaftliche Arbeiten. Baltmannsweiler: Schneider-Verl. Hohengehren, 2001, S. 218.
(8) Vgl. Narr, Wolf-Dieter: Was ist Wissenschaft? Was heißt wissenschaftlich arbeiten? Was bringt ein wissenschaftliche Studium? Ein Brief. In: Franck, Norbert; Stary, Joachim: Die Technik wissenschaftlichen Arbeitens. Eine praktische Anleitung. 11., völlig überarb. Aufl. Paderborn: Schöningh, 2003, S. 31.
(9) Vgl. Krämer, Walter: Wie schreibe ich eine Seminar- oder Examensarbeit? 2. Aufl. Frankfurt a.M.: Campus, 1999, S. 113.
(10) Vgl. Kiel a.a.O., S. 215f.
(11) Eco a.a.O., S. 197.
(12) Franck, Norbert: Lust statt Last: Wissenschaftliche Texte schreiben. In: Franck, Norbert; Stary, Joachim: Die Technik wissenschaftlichen Arbeitens. Eine praktische Anleitung. 11., völlig überarb. Aufl. Paderborn: Schöningh, 2003, S. 151.
(13) Theisen, Manuel R.: Wissenschaftliches Arbeiten. Technik, Methodik, Form. 12., neu bearb. Aufl. München: Vahlen, 2005, S. 140f.